Abitur 2026 / Rede des Schulleiters

Liebe Mitmenschen:

Zunächst: Ich habe eine gute Nachricht: Mit dem heutigen Tag endet das rollendeterminierte betreute Leben für die im Durchschnitt mindestens und hoffentlich nächsten 50 Jahre. Endlich Schluss mit dieser schulischen (und vielleicht auch elterlichen?) entmündigenden Bevormundung, wann, was und wie etwas zu tun und zu lassen ist: Abgabe bis 12. Januar, 12 Uhr im Oko-Büro, außer freitags. Genehmigung über die Schulleitung. Erinnerungsmails. Bitte nochmal schicken. Verloren gegangen. Sorry. Bitte nochmal kommen. Weiß ich doch jetzt auch nicht, ich bin eigentlich gar nicht da. Versuche es in der nächsten Pause nochmal. Bitte nochmal schicken. Vielleicht besser morgen? Wer? Heute nicht. Kann ickse schicken? 18? All das hat ein Ende.

Stattdessen eröffnen sich fast unendliche Wirkungsräume. In diesen entscheiden Sie zunächst selbst über Recht und Unrecht, über gerechte und ungerechte Entscheidungen. Es kommt noch besser: Sie werden sie künftig, je nach Wirkungskreis, nicht für sich fällen, sondern auch für andere, die wiederum befinden, ob die Entscheidung aus dann deren Sicht gerecht oder ungerecht, angemessen oder unangemessen ist. Und einige oder viele werden schon bald merken, dass die Abwägung herausfordernd sein kann. Die Bevormundung durch die Behörde Schule mit ihren schulgesetzlichen Regeln findet nunmehr jedenfalls für Sie ein Ende. Es spielt alles keine Rolle mehr. Das, was war, war. Es ist alles nicht mehr wichtig. Prägend war die eine oder andere Erfahrung aber dennoch. Es beginnt ein neuer Abschnitt. Es gibt nicht so viele Zäsuren im Leben. Diese ist eine. Vielleicht eine von wenigen. Hoffentlich aber von vielen. Nutzen Sie sie!!!

Auch wenn Sie das Ende herbeigesehnt haben, so bin ich mir sicher, dass Sie vielen Menschen im Raum mit Dankbarkeit begegnen können. Ihre Lehrerinnen und Lehrer, allen voran Ihren Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern, den Tutor:innen und allen, die Sie auch in schwierigen Phasen unterstützt haben, also auch allen Personen in unseren Unterstützungssystemen. Den Koordinator:innen, die ihren mittleren Schulabschluss oder nun Ihr Abitur präzise organisiert haben. Ja, und auch den Personen, die Flure, Räume und Toiletten geputzt und für die Verwaltung unserer Schule gearbeitet haben. Sie und viele andere haben am Projekt Abitur 2026 mitgewirkt.

Worin besteht die gewonnene Freiheit?

Na ja, zunächst: Sich montags morgens in eine andere Richtung zu bewegen. Montags 8.22 Uhr in der Helsingforser Straße. Das ist ein Moment in der Woche, in dem ich wirklich großen Neid empfinde, sodass ich manchmal geneigt bin, die Marchlewskistr. zu nehmen, um es nicht sehen zu müssen. Besonders markant werden mir Ihre neuen Freiheiten, wenn ich sonntags nachmittags auf dem Weg ins Sonntags-Office dieselben Party people in der M10 treffe, die mir am Montag um 8 Uhr Richtung Warschauer Str. entgegenlaufen.

Die Freiheit ist grenzenlos. Es gibt eigentlich nur wenige externe Einschränkungen, die dieser Freiheit Grenzen setzen können/ könnten: Schwere Krankheiten. Ich wünsche Ihnen allzeit eine blühende Gesundheit oder einen guten Umgang mit der einen oder anderen Krankheit, die jedem/r widerfahren kann. Autoritarismus und Krieg. Eine Gesellschaft, die sich mehrheitlich dafür entscheidet, Mauern zu bauen, auszugrenzen, zu diffamieren, also sich gegen die Grundbedürfnisse des Menschen stellt.

Dagegen können wir etwas tun, denn wir sind die Gestaltenden in diesem gemeinsamen Verantwortungsraum. Gerade Beschriebenes geschehen nur durch unsere Mithilfe statt. Machen wir nicht mit, findet es nicht statt.

Bleibt die Frage: Was brauchen Sie, um unter diesen eher günstigen Bedingungen, die unsere Situation kennzeichnen, wirklich frei zu sein, sich nicht vereinnahmen zu lassen, nicht gefangen zu sein:


Sie benötigen eine Leidenschaft für die Dinge, wenigstens eine Sache. Für ihre Anliegen, die Sie aus einem intrinsischen Motiv heraus vorantreiben wollen. Das heißt: Sie brauchen ein Motiv. Wenn Sie keins haben, wird es irgendwann sehr schwer, morgens überhaupt aufzustehen. Ist dieses Motiv Genuss, die Freude am Schönen, am Ästhetischen, ist es der ungebremste Gestaltungswille oder die eher bequeme Sucht nach Harmonie, die den Gestaltungswillen ausbremst?

Sie haben ein Motiv, Sie brennen für ein Anliegen. Und nun brauchen Sie extrem viel Ausdauer und Nachsicht. Sie dürfen sich von diesem nervtötendem Blah Blah Blah - also vom ewigen Gerede/ Geschwafel über die Sache mit dem Effekt, dass wir nicht ins Handeln kommen und stattdessen fortwährend unsere Bedenken zelebrieren, nicht irritieren, nicht demotivieren lassen.

Auch den Selbstzweifel brauchen Sie, denn dieser führt zur ständigen Reflexion des eigenen Handelns und des Handelns anderer. Wie geeignet oder ungeeignet war mein eigenes Handeln oder meine Kommunikation in dieser und jener Situation. Bei dieser Selbstreflexion relativieren sich viele Probleme, Sie setzen sie ins Verhältnis und sie führt oft zum Kompromiss, der häufig auch bedeutet, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Und schließlich: Sie wollen in diesem großen Freiheits(t)raum nicht nur funktionieren, anderen gefallen und deren Erfüllungsgehilfe sein, sondern Sie wollen diesen Freiheitsraum (er-) leben. Dafür brauchen Sie Emotionalität, durch die sie Freude, Wohlgefallen und Genugtuung überhaupt empfinden können.

Heute ist dann aber auch Gelegenheit, um um Nachsicht zu bitten, vielleicht auch um Entschuldigung: Vielleicht haben Verwaltungsvorgänge gelegentlich sehr viel Raum eingenommen. Vielleicht haben wir nicht all Ihre Talente erkannt, gehoben und weiter gefördert, vielleicht und sogar wahrscheinlich ist uns das nur mit wenigen Ihrer Talente gelungen. Wahrscheinlich haben wir zu wenig auf tagesaktuelle Entscheidungen der Politik, Ihre Zukunft betreffend, referiert, also den politischen Diskurs dazu angeboten. Prominente Beispiele sind die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht oder die Übersetzung der Klimakrise in politisches Handeln.

Die Pandemie traf Sie in einer entscheidenden Phase (Die Hälfte von Ihnen wurde entweder gerade eingeschult, Sie alle wurden Teenager.) und die damaligen Entscheidungen hat vermutlich Spuren hinterlassen.

Nun stehen Sie auf der Bühne des Lebens. Stehen Sie mitten auf ihr? Vorn? Oder am komfortablen Seitenrand, der eher geeignet ist für einfache, störende oder die Veränderung aufhaltende Kommentare. Sie entscheiden, an welcher Stelle der Bühne des Lebens Sie stehen. Ich empfehle Ihnen, eine zentrale Position auf dieser Bühne einzunehmen, von der aus Sie nicht nur Ihre eigenen Geschicke am besten steuern, sondern auch für andere wirksam werden können. Übernehmen Sie diese Verantwortung. Hoffen Sie nicht. Hoffen ist ein schwaches Motiv. Übernehmen Sie spätestens jetzt die Autorenschaft für Ihr eigenes Leben. Alle anderen, die hier sitzen, sind im besten Falle gute Co-Autoren Ihres Lebens und stehen mittelfristig nur bedingt zur Verfügung.

Die Bühne ist gleichsam Ihr Kirschgarten. Aber es könnte sein, dass Sie ihn verlassen werden oder verlassen müssen. Suchen Sie sich dann einen neuen.

Und nun betreten Sie diese Bühne, suchen sich Ihren Kirschgarten oder gestalten Ihn um und diese neue Phase beginnt mit der Übergabe des Zeugnisses. Jedes einzelne ist verdient und gleichermaßen wertig. Herzlichen Glückwunsch an Sie alle. The life stage is all yours.

Jonas Mücke im Juni 2026